Vom Cam­pus Q in die Chefetage

15. Januar 2026 | Logbuch | 0 Kommentare

Mi­cha­el Ben­ter fragt Ka­tha­ri­na Riedel

Bei mei­nem ers­ten Ge­spräch in der Ca­ri­tas-Werk­statt be­glei­te­te mich mei­ne Be­treue­rin Frau Rath. Im Jo­sef­haus tra­fen wir uns mit Frau Rie­del, Lei­te­rin des Cam­pus Q. Ge­ra­de, als die­se zu mir sag­te: „Hier ist ab Sep­tem­ber dein neu­er Ar­beits­platz!“, schwirr­te eine Wes­pe durch den Raum. Mir brach der Schweiß aus und ich ge­riet in Pa­nik. Seit ich ein­mal in der U‑Bahn von ei­ner Bie­ne ge­sto­chen wur­de, habe ich pa­ni­sche Angst vor Hor­nis­sen, Bie­nen, Wespen …

Du brauchst kei­ne Angst zu ha­ben“, be­ru­hig­te mich Frau Rie­del. Heu­te tref­fe ich mich mit ihr, um ihr ein paar Fra­gen zu stellen.

Ka­tha­ri­na: Wenn ich an Dich den­ke, fällt mir auch im­mer zu­erst die­se Si­tua­ti­on mit der Wes­pe ein. Ich habe ei­gent­lich auch Angst vor ih­nen und wäre gern zu­sam­men mit Dir auf­ge­sprun­gen. Mir war aber wich­tig, dass dein ers­ter Ein­druck von der Werk­statt nicht mit Angst ver­bun­den ist.

Mi­cha­el: Seit wann ar­bei­test Du hier und wie ver­lief Dein Weg in die Werkstattleitung?

Ka­tha­ri­na: Als ich 2010 her­kam, war ich 24 und die Werk­statt mein ers­ter Job nach dem Stu­di­um. Sie such­ten eine Fach­kraft für be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on. Die Stel­le war neu, denn Werk­stät­ten hat­ten sich ver­stärkt dar­um zu küm­mern, Be­schäf­tig­te in Prak­ti­ka und Be­trie­be zu vermitteln.

Mitt­ler­wei­le ar­bei­te­te ich schon in fast al­len Be­rei­chen als Fach­dienst, au­ßer am Ader­luch, Als der stell­ver­tre­ten­de Werk­statt­lei­ter Herr Ho­berg in Ren­te ging, rück­te zu­nächst Rai­ner Schulz in die Lei­tung auf. Er küm­mer­te sich um die Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se, und schließ­lich kam ich dazu als je­mand, der sich mit so­zia­len The­men be­fasst. Seit­her füh­le mich ver­ant­wort­lich für die Fach­diens­te und die Be­lan­ge der Beschäftigten.

Mi­cha­el: Beim Pro­jekt „Sei­ten­wech­sel“ ha­ben Mit­ar­bei­ten­de die Mög­lich­keit in an­de­ren Werk­statt­be­rei­chen und beim Ca­ri­tas Woh­nen mit­zu­ar­bei­ten. Hast Du so et­was auch schon­mal gemacht?

Ka­tha­ri­na: Ganz am An­fang mei­ner Zeit hier gab es ei­nen Per­so­nal­eng­pass in der Can­ti­na der Haupt­werk­statt. „Kannst du das mal ma­chen?“, frag­te man mich – und ich tats. Zur Mit­tags­zeit ging die Luke hoch: Vor mir vie­le hung­ri­ge Be­schäf­tig­te, stand ich ne­ben der Kas­se und hat­te kei­ne Ah­nung, wie sie zu be­die­nen ist. Seit­dem hab ich gro­ßer Re­spekt vor die­ser Ar­beit. Die Leu­te sind hung­rig, es muss schnell ge­hen und die Kas­se auf Stand sein. Da kam ich ganz schön ins Schwit­zen. Gern hät­te ich mehr Zeit, so et­was öf­ters zu machen.

Mi­cha­el: Was macht Dir in der Werk­statt am meis­ten Spaß?

Ka­tha­ri­na: Grund­sätz­lich ge­fällt es mir am bes­ten, hier un­ter­wegs zu sein und Pro­jek­te an­zu­schie­ben. Ich mag den Plausch aufm Flur, mei­ne schöns­ten Stun­den sind die, in de­nen ich mit Euch zu­sam­men bin. Ein biss­chen bin ich stolz dar­auf, dass ich bis heu­te alle Be­schäf­tig­ten und vie­le Ehe­ma­li­ge mit Na­men ken­ne. Ich bin in den Auf­nah­me­ge­sprä­chen da­bei, ler­ne die Fa­mi­li­en und Ge­schich­ten ken­nen. Auch Pro­ble­me und Kon­flik­te sind Teil mei­ner Auf­ga­be – und doch ist für mich der Kon­takt mit an­de­ren Men­schen das Schöns­te. Mit mei­nem Wech­sel in die Werk­statt-Lei­tung kam lei­der viel mehr Schreib­kram dazu, jede Men­ge Ar­beit am Rechner.

Mi­cha­el: Was macht un­se­re Werk­statt für Dich aus?

Ka­tha­ri­na: Ich kom­me im­mer wie­der gern her. Es ist schön, zu se­hen und zu be­glei­ten, wie sich Be­schäf­tig­te ent­wi­ckeln und et­was aus ih­rem Le­ben ma­chen. Das macht die Werk­statt zu ei­nem mei­ner Lieblingsorte

Mi­cha­el: Ar­bei­test Du an der Er­stel­lung der Fort­bil­dungs­pro­gramm-Hef­te mit?

Ka­tha­ri­na: Das ist ei­nes mei­ner Herzensthemen.

Mi­cha­el: Dann möch­te ich das nächs­te bit­te in Werbetechnik-Blau!

Ka­tha­ri­na: Mitt­ler­wei­le gibt es un­se­re Fort­bil­dungs­pro­gram­me schon so lan­ge, dass jede Be­reichs­far­be ver­tre­ten war. Bei der Farb­wahl gu­cken wir auch, wel­cher Be­reich im je­wei­li­gen Jahr ei­nen be­son­de­ren Hö­he­punkt begeht.

Zu­sam­men mit Lau­ra Krü­ger und Angi Geiß­ler ar­bei­te ich dar­an, dass die be­glei­ten­den An­ge­bo­te ab­wechs­lungs­reich sind und blei­ben. Für man­che sind sie der wich­tigs­te Grund, in die Werk­statt zu kommen.

Mi­cha­el: Fährst Du manch­mal im Shut­tle mit?

Ka­tha­ri­na: Letz­tes Jahr ver­ab­schie­de­te ich Ka­rin Bo­dag, wel­che die An­fän­ge un­se­res Shut­tles mit­mach­te, gleich nach dem Shut­tle-Pio­nier Jür­gen Wolf. Da­mals wur­de heiß dis­ku­tiert, ob Be­schäf­tig­te über­haupt fah­ren dür­fen. Ich un­ter­nahm ei­ni­ge Pro­be­fahr­ten mit Ka­rin, um mich da­von zu über­zeu­gen, dass sie auch in Stress-Si­tua­tio­nen ru­hig und si­cher fährt. Das tat sie.

Mi­cha­el: Wir Be­schäf­tig­ten ar­bei­te­ten in der Co­ro­na-Pan­de­mie teil­wei­se zu Hau­se oder am Ader­luch. Wie hast Du die­se Zeit er­lebt in und mit der Werkstatt?

Ka­tha­ri­na: Der Be­ginn der Pan­de­mie fiel ge­nau mit mei­nen ers­ten Ar­beits­ta­gen in der Werk­statt­lei­tung zu­sam­men … im Rück­blick eine su­per an­stren­gen­de Zeit. Al­les war so un­si­cher: Wie vie­le Men­schen dür­fen in ei­nem Raum sein, wel­che Be­schäf­tig­ten dür­fen wo­hin? Gal­ten für uns die Re­geln für Be­trie­be, oder jene für Wohn­stät­ten von Men­schen mit Be­hin­de­rung? Am Ende tra­fen wir die Ent­schei­dun­gen, bei de­nen wir dach­ten, so ist es am bes­ten. Viel­leicht la­gen wir nicht im­mer rich­tig, aber ich glau­be, wir ka­men ganz gut durch.

Mi­cha­el: Kannst Du nach Fei­er­abend ab­schal­ten, oder ge­hört Dein Heim­weg auch zur Firmenarbeit?

Ka­tha­ri­na: Wer sich ent­schei­det, ei­nen so­zia­len Be­ruf zu er­grei­fen, musss auch die da­mit ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten er­tra­gen. Men­schen sind kei­ne Ma­schi­nen, die man abends aus­schal­tet. Im Ur­laub kann ich ganz gut ab­schal­ten, das Wo­chen­en­de ist da­für oft zu kurz. Mein Part­ner muss da­mit le­ben, schließ­lich hat er mich so „ein­ge­kauft“.

Mi­cha­el: Gibt es ehe­ma­li­ge Be­schäf­tig­te un­se­rer Werk­statt, die Du be­son­ders vermisst?

Ka­tha­ri­na: In den letz­ten Jah­ren ver­lo­ren wir ei­ni­ge Be­schäf­tig­te, die ei­nen be­deu­ten­den Teil un­se­rer Ge­schich­te mit­schrie­ben wie zum Bei­spiel An­ge­li­ka Kopitz­ke, die so lan­ge Zeit auf dem Jo­han­nes­berg leb­te. Auch ihr helft mit, die­se Ge­schich­ten festzuhalten.

Mi­cha­el: Bist Du hier öf­ter um­ge­zo­gen, von Büro zu Büro?

Ka­tha­ri­na: Ich saß mitt­ler­wei­le in 6 oder 7 Bü­ros, zu­erst in dem jet­zi­gen von An­dré Ker­kow in der Haupt­werk­statt. Nach ei­nem Jahr wech­sel­te ich in den Hei­de­ring, ins Büro von Kle­mens Statt, wo ich auch dei­ne Re­port­er­kol­le­gin Mar­ti­na ken­nen­lern­te. Dann zog ich wie­der in die Haupt­werk­statt, ins Büro von Herrn Möl­ler. Ich sah et­li­che Bü­ros von in­nen, den schöns­ten Aus­blick auf den Jo­han­nes­berg ge­noss ich als Lei­te­rin des Cam­pus Q.

Mi­cha­el: Wie se­hen Dei­ne Zu­kunfts­plä­ne aus? Ver­rätst Du uns da­von etwas?

Ka­tha­ri­na: Ich will noch viel rei­sen in mei­nem Le­ben. Da­bei möch­te ich auch den Le­bens­stil der Men­schen ken­nen­ler­nen, die vor Ort le­ben. Das hilft, be­schei­den zu blei­ben und zu se­hen, dass es uns ganz gut geht. Rei­sen hilft mir, für vie­les ein gu­tes Ge­spür zu bekommen.

Mi­cha­el: Was wür­dest Du tun, wenn es die Werk­statt nicht mehr gäbe?

Ka­tha­ri­na: Das möch­te ich mir nicht vor­stel­len. Wir le­ben in ei­nem So­zi­al­staat, Werk­stät­ten sind ein Teil da­von. Ihre Ab­schaf­fung for­dern un­ter­schied­li­che Men­schen aus un­ter­schied­li­chen Grün­den. Wir wer­den es ih­nen nicht leicht machen.

Mi­cha­el: Hast Du eine Idee, wie die Ca­ri­tas-Werk­statt in zehn Jah­ren aus­se­hen könnte?

Ka­tha­ri­na: Ihr Auf­trag, Men­schen in die Aus­bil­dung und auf den Ar­beits­markt zu brin­gen, wird ge­wich­ti­ger sein. Also wird es mehr Be­schäf­tig­te ge­ben, die auf Au­ßen­ar­beits­plät­zen in Be­trie­ben ar­bei­ten, wel­che wir vor Ort be­glei­ten. Das ist je­doch nicht für alle Be­schäf­tig­ten der rich­ti­ge Weg. Auch für alle, die dazu nicht in der Lage sind, müs­sen wir da sein. Und wir brau­chen auch Be­trie­be, die Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gung eine Chan­ce geben.

Mi­cha­el: Was ist, wenn ein Be­schäf­tig­ter in ei­nen an­de­ren Be­reich wech­seln möchte?

Ka­tha­ri­na: Es ge­hört auch zu un­se­ren Auf­ga­ben, Eu­ren Wün­schen nach Mög­lich­keit zu ent­spre­chen. Man­che mö­gen Ver­än­de­run­gen mehr als an­de­re. Dass du zu ers­te­ren ge­hörst, hat si­cher eine Men­ge mit dei­ner Per­sön­lich­keit zu tun. Es ge­hört zur Stär­ke ei­ner Werk­statt, das mög­lich zu machen.

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