Online-Reporter Michael Benter im Gespräch mit Birgit Kiel
Hallo Michael, vielen Dank, dass du mich heute zu einem Interview eingeladen hast. Ich bin eine begeisterte Leserin eurer Beiträge, die ich sehr interessant, humorvoll und oft auch sehr berührend finde.
Danke zurück, liebe Birgit! Seit wann bist Du in der Caritas-Werkstatt mit dem Angebot Schule tätig?
Tatsächlich bin ich schon seit 2015 mit meinem Bildungsangebot hier tätig, in den ersten vier Jahren nebenberuflich, jeweils freitags.
Hatte die Caritas Dich als Lehrerin gesucht?
Den Kurs „Lesen, Schreiben, Rechnen“ gab es schon vor meiner Zeit hier. Herr Kuhnert, ein engagierter Rentner, bot ihn gemeinsam mit Frau Geißler für interessierte Beschäftigte an. Als er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, suchte die Caritas-Werkstatt in verschiedenen Bildungseinrichtungen nach Ersatz. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich an der „Regenbogenschule“ in Hennigsdorf, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“. Die Schulleitung trat eines Tages mit der Frage an mich heran, ob ich mir eine Nebentätigkeit als Lehrkraft in der Caritas–Werkstatt vorstellen könnte. Da ich nun schon seit über 25 Jahren im Schulbereich arbeitete, sah ich das als Herausforderung an. Das Schulamt stimmte unter der Bedingung zu, dass meine Wochenarbeitszeit nicht verändert werden darf, was bedeutete, dass ich meine Freitagsstunden auf die verbleibenden vier Tage verteilen musste. Das war schon hart. Mir gefiel es jedoch von Anfang an in der Werkstatt sehr. Das Betriebsklima und die Arbeit mit Erwachsenen taten mir gut. Mein eigener Slogan lautete: „Ich freue mich auf Freitag“.
Ein Arbeitsunfall, der eine schwere Sprunggelenksfraktur zur Folge hatte, gab 2019 den Anstoß, mich beruflich zu verändern. Noch während der Reha gab ich eine Initiativbewerbung bei der Werkstattleitung ab. Im Nachhinein betrachtet, muss es ein recht bizarres Bild gewesen sein, wie ich mit einem Vacoped–Stiefel am Bein und zwei Gehhilfen geradewegs von der Reha zum Bewerbungsgespräch „humpelte“. Verständlicherweise gab es auch den einen oder anderen Zweifler, der sich erst von meiner Eignung überzeugen musste. Ich bin sehr dankbar, dass man mir das Vertrauen schenkte und ich den Job bekam, den ich bis heute sehr liebe.
Deine Angebote laufen am Dienstag (am Heidering), Mittwoch (Campus Q), Donnerstag (am Heidering) und Freitag (Keramik in der Hauptwerkstatt). Bereitest Du die Aufgaben für Dienstag, Mittwoch und Donnerstag vor?
Mittlerweile besuchen 96 Beschäftigte meine Kurse und Angebote, davon sind ca. 70 in „Lesen, Schreiben, Rechnen“. Das erfordert schon einiges an Vorbereitung. Da ich in Teilzeit arbeite, beträgt meine Arbeitszeit am Montag nur 2,5 Stunden, die ich im Home Office leiste. Die Wochenvorbereitung findet also bei mir immer montags statt.
Stellst Du dienstags bis donnerstags immer die gleichen Aufgaben, oder hast Du viele verschiedene Aufgaben von leicht bis schwer?
Wie du ja weißt, haben wir Unterricht in Deutsch, Mathematik und Sachkunde. Wir versuchen, die Kurse so zu belegen, dass ein Großteil der Beschäftigten am gleichen Thema arbeiten kann. Das klappt aber nicht immer, denn jeder ist auch als Person anders, das gilt es zu berücksichtigen. Wir haben Schüler, die erst die Buchstaben kennenlernen und andere, die bereits ein Fachabitur in der Tasche haben. Dazwischen ist alles vertreten.
Wenn Du für die Schule Materialien besorgst, bekommst Du da ein Budget von der Werkstatt, oder musst Du das von Deinem Lohn bezahlen?
Ich habe ein festgelegtes Jahresbudget für die Kurse „Lesen, Schreiben, Rechnen“ und „Kreatives Gestalten mit Ton“. Davon werden vorwiegend Verbrauchsmaterialien wie Ton und Glasuren bezahlt. Auch das eine oder andere Arbeitsheft zu verschiedenen Unterrichtsthemen ist dabei. Wie in anderen Bereichen üblich, stelle ich einen Antrag, der von der Werkstattleitung genehmigt werden muss. Ist das der Fall, kann bestellt werden. Ich persönlich bin ein großer Fan von guten Anschauungsmaterialien und Modellen für den Unterricht, die ich gern über den Betzold–Schulverlag bestelle. Diese Materialien bezahle ich natürlich selbst.
Was macht Dir bei der Arbeit hier am meisten Spaß? Und was ist für Dich dabei die größte Herausforderung?
An meiner Arbeit liebe ich besonders die große Vielfalt. Mir ist grundsätzlich jeder willkommen, der etwas lernen will. Das ist gleichzeitig auch die größte Herausforderung. Herauszufinden, wo jemand „steht“, ihn dort „abholen“ und darauf aufzubauen, darin besteht meine Aufgabe. Das macht mir Spaß und fordert mich enorm.
Wie schaffst Du es, dass Du alles allein hinbekommst?
Ich glaube, wenn man etwas gern tut, denkt man nicht so sehr darüber nach, ob alles zu schaffen ist. Ich bin ein sehr organisierter Mensch und baue mir stets mein eigenes System auf. Das ist bei meiner Tätigkeit hilfreich. Ich muss aber auch nicht alles allein hinbekommen. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen meinen Schülern und mir. Ich sehe uns als Team, als Lernende auf beiden Seiten. Für viele unserer Beschäftigten hat das Thema „Schule“ eine negative Seite und wird mit zahlreichen Misserfolgen in Verbindung gebracht. Hier den Druck zu nehmen, immer alles können zu müssen, wieder das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Freude am Lernen zu fördern, darin sehe ich meine größte Aufgabe. Wenn das gelingt, hat es sich gelohnt.
Ich finde es schade, dass es für Dich keine Vertretung gibt. Das würde ich mir wünschen. Ich lerne bei Dir jede Woche etwas Neues!
Das freut mich.







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