Die Online-Reporter Michael Benter und Frank Nussbücker lauschen den „Vätern des Heiderings (Fortsetzung)
Marcel Teichmann: Zu Baubeginn standen nur das Haus und das Hallenschiff da. Obendrein wurde gerade das gesamte Gebäude nach Bomben abgebohrt. Da blieb kein Stein auf dem anderen, und auch so manche Versorgungsleitung wurde getroffen.
André Kerkow: Wir mussten eine Menge Um- und Ausbauen. Die Kalthalle besaß keine Dämmung, dazu mussten dort auch eine Heizung und neue Fenster eingebaut werden. Wir brauchen einen Fahrstuhl! Sollte er im oder außerhalb des Gebäudes sein? Viele Fragen, auf die wir schnell Antworten finden mussten. Ohne die tatkräftige Hilfe der Beschäftigte und Kollegen, die malerten, Regale aufbauten und weitere Bautätigkeiten übernahmen, wäre der Fertigstellungstermin nicht zu halten gewesen.
Durch gute Kontakte zu unserem Nachbarn Autohaus Lambeck nahmen wir noch während der Bauphase einen Grundstückstausch vor. Wir gaben dem Autohaus etwas von unserem Gelände ab und bekamen im Gegenzug die für uns so wichtige breite Zufahrt zu Firma Friesen. Wie schnell verging die Zeit! All die Visionen umzusetzen, die wir im Kopf hatten, gelang am Ende nur dadurch, weil viele Mitarbeiter und Beschäftigte so fleißig mithalfen.
Marcel Teichmann: Die Woche über unsere Gruppen betreuen, daneben und am Wochenende den Heidering an den Start bringen, das war ein Kraftakt. Wir waren ein Team aus verschiedensten Mitarbeitenden, die nicht immer alle einer Meinung waren, aber ein Ziel verfolgten! Die neue Außenstelle lebte von Anfang an durch eine gewisse Eigenständigkeit, einen ganz eigenen Patriotismus.
André Kerkow: In der Bauphase erfragten wir in mehreren Sitzungen Wünsche der Beschäftigten für das neue Objekt. Ein Zigaretten- und Kaugummiautomat standen ebenso auf der Liste wie ein Angelteich.
Auch was den Namen des neuen Standorts anging, gab es Vorschläge. Viele seelisch beeinträchtigte Beschäftigte wollten nicht mit der Caritas-Werkstatt in Verbindung gebracht werden. Herr Zimmermann, ein ehemaliger Mitarbeiter, fiel schließlich der Name „Faktor C“ ein. Factor steht im lateinischen für Schöpfer oder Gott, das C für die Caritas, OR für Oranienburg.
Es war eine wilde Zeit, und das Ganze ging erstaunlich schnell über die Bühne. Vom Herbst 2007 bis zur Fertigstellung Ende 2009 verstrichen nur gut zwei Jahre. Für den Umbau hatten wir 850.000 Euro eingeplant. Aus diesen wurden 1,1 Millionen, worauf uns unser Geschäftsführer Herr Vollmer die Leviten las. Diese Summe amortisierte sich längst mehrfach.
Marcel Teichmann: Parallel zum Aufbau des Heiderings kündigen wir rechtzeitig die anderen Objekte, eine finanzielle Doppelbelastung durch ungenutzte Mietobjekte und den Heidering galt es zu vermeiden. Am Ende war es eine ziemliche Punktlandung. Die Eröffnungsfeier mit 120 Gästen kam vergleichsweise pompös daher. Der Domprobst von Berlin war ebenso zugegen wie die komplette Leitung der Caritas Berlin.
André Kerkow: Somit hatten wir ein Haus für unsere seelisch beeinträchtigten Beschäftigten, und in der ehemaligen Kalthalle die nun vereinte Demontage mit allem, was dazugehört. Auch Herr Kobers Garten-Gruppe, die zuvor wie die Werkstoff-Trennung im Quelle-Lager saßen, zogen nun an den Heidering.
Auch weiterhin entstand hier eine Menge, schließlich platzte auch der Heidering aus allen Nähten. So mieteten wir 2015 am Aderluch eine weitere Außenstelle an. Diese leitet heute Marcel, und ich ging zurück in die Hauptwerkstatt.
Michael Benter: Vermisst Ihr den Heidering?
André Kerkow: Wenn du sowas mit aufbaust, und wirst nach ein paar Jahren zurückgeholt – Herr Lau musste mich schon stark überzeugen. Loslassen hieß es da für mich, und ich musste akzeptieren, dass jemand anderes es fortan anders macht. Mittlerweile bin ich schon wieder zehn Jahre in der Hauptwerkstatt – und kann die Bedürfnisse und Befindlichkeiten unserer Außenstellen viel besser verstehen als zuvor.
Marcel Teichmann: Wie Väter, die ihre Kinder großwerden sehen, so geht’s uns mit dem Heidering. Du beobachtest ihn weiter, verfolgst sein Geschick, wie Väter nun mal sind!