Ge­frag­te Kundschaft

13. Feb 2019 | Pres­se, Pres­se 2019 | 0 Kom­men­ta­re

Werk­statt Dialog

Eine Un­ter­su­chung zur Ar­beits­platz­zu­frie­den­heit in der Ca­ri­tas-Werk­statt Oranienburg

In den ro­ten Schreib­map­pen hat al­les sei­ne Ord­nung: der Fra­ge­bo­gen mit ins­ge­samt vier­zig Fra­gen zum Ar­beits­all­tag in der Werk­statt, das Post­skript für die No­ti­zen und An­ga­ben zum In­ter­view ver­lauf, die Hin­wei­se zur In­ter­view­durch­füh­rung. Dazu Bild­kar­ten zur vi­su­el­len Ver­deut­li­chung der Ant­wort­mög­lich­kei­ten. In der Werk­statt weiß man: Es ist wie­der Freitag.

Über meh­re­re Mo­na­te im Jahr 2018, eben frei­tags, sind spe­zi­ell qua­li­fi­zier­te Be­schäf­tig­te in den Stand­or­ten der Ca­ri­tas-Werk­statt un­ter­wegs, um ihre Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen zur Zu­frie­den­heit an ih­rem Ar­beits­platz und in der Werk­statt ins­ge­samt zu befragen.

Doch be­vor es so­weit war, gab es eine Men­ge Ar­beit zu er­le­di­gen. Ka­tha­ri­na Rie­del lei­tet in der Ca­ri­tas-Werk­statt den Be­rufs­bil­dungs­be­reich Cam­pus Q. Be­ruf­li­che Bil­dung ist ein Schlüs­sel­the­ma in der Ca­ri­tas-Werk­statt. So sind auch die Pro­duk­ti­ons­lei­ter an den Kom­pe­tenz­ana­ly­sen für die Be­schäf­tig­ten im Ar­beits­be­reich be­tei­ligt. Je­des Jahr ver­öf­fent­licht die Werk­statt ein um­fang­rei­ches Fort­bil­dungs­pro­gramm – glei­cher­ma­ßen für die Werk­statt­be­schäf­tig­ten und das haupt­amt­li­che Per­so­nal. Ein Job­coach un­ter­stützt Be­schäf­tig­te auf ih­rem Weg in wei­ter­füh­ren­de Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se oder den all­ge­mei­nen Ar­beits­markt. Ge­plant wer­den die Ent­wick­lungs­schrit­te in ei­nem Jah­res­ge­spräch, das die Fach­kräf­te mit je­dem Be­schäf­tig­ten führen.

Peer to Peer-Be­fra­gung
Doch das For­mat Be­schäf­tig­te fra­gen Be­schäf­tig­te ist ein Pro­jekt von be­son­de­rem Reiz. Der Staa­ten­be­richt der Ver­ein­ten Na­tio­nen zur Kon­ven­ti­on über die Rech­te be­hin­der­ter Men­schen kri­ti­sier­te 2015 das Sys­tem der Werk­stät­ten, ver­langt gar des­sen schritt­wei­se Ab­schaf­fung. In der Öf­fent­lich­keit ver­stärkt sich die Kri­tik an den Werk­stät­ten und ih­ren ge­rin­gen Ver­mitt­lungs­per­spek­ti­ven. Was liegt also nä­her, als die größ­ten Ex­per­ten zu den Be­lan­gen von Werk­statt­be­schäf­tig­ten zu be­fra­gen – die Be­schäf­tig­ten selbst?

Ka­tha­ri­na Rie­del stu­diert zu die­ser Zeit Wirt­schafts- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie an der Stein­beis-Hoch­schu­le Ber­lin. Die Be­schäf­tig­ten­be­fra­gung mit der me­tho­di­schen Ent­wick­lung und der an­schlie­ßen­den Durch­füh­rung wird Teil ih­rer Mas­ter-The­sis. Auf ei­nen Aus­hang in den Stand­or­ten der Ca­ri­tas-Werk­statt mel­den sich gut 20 Be­schäf­tig­te, um spä­ter die In­ter­views zu füh­ren – als so­ge­nann­te Ko-Forschende.

Über per­sön­li­che Netz­wer­ke wur­den wei­te­re Un­ter­stüt­zer ge­fun­den: Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge an der Emil-Molt-Aka­de­mie, die die Ko-For­schen­den in der In­ter­view­si­tua­ti­on un­ter­stüt­zen, Ant­wor­ten pro­to­kol­lie­ren oder wenn nö­tig er­läu­tern und vermitteln.

For­schungs­vor­ge­hen
Die par­ti­zi­pa­ti­ve For­schung ver­folgt den An­spruch, die Ko-For­schen­den um­fäng­lich in die Fra­ge­bo­gen­ent­wick­lung ein­zu­be­zie­hen. In ver­schie­de­nen Ver­fah­ren – etwa Pho­to­voice, Fan­ta­sier­ei­se, Wunsch­baum oder Brain­stor­ming – wer­den An­lie­gen und The­men der Be­fra­gung ein­ge­grenzt. Es ent­steht der ers­te Ent­wurf ei­nes Ge­sprächs­leit­fa­dens mit den Ar­beits­welt­aspek­ten: 1. Ar­beit und be­glei­ten­des An­ge­bot, 2. Räum­lich­kei­ten und Ar­beits­um­feld, 3. Be­triebs­kli­ma und Mit­ein­an­der, 4. Can­ti­na und Ver­sor­gung, 5. Or­ga­ni­sa­ti­on und Ab­läu­fe, 6. Ent­loh­nung, 7. Mo­der­ni­sie­rung der Werk­statt­lei­tung. Nach und nach wur­den aus die­sem The­men­ab­riss kon­kre­te Fra­ge­stel­lun­gen und Ant­wort­ska­lie­run­gen ent­wi­ckelt. Aus­ge­wähl­te Sym­bo­le auf Bild­kar­ten die­nen der Vi­sua­li­sie­rung von Fra­gen und Ant­wort­mög­lich­kei­ten für Be­frag­te mit ein­ge­schränk­ten Ver­ständ­nis- und Le­se­kom­pe­ten­zen. Am Ende die­ses For­mu­lie­rungs- und Ge­stal­tungs­pro­zes­ses wur­de der Fra­ge­bo­gen­ent­wurf über die Durch­füh­rung von Pre-Tests zu ei­ner par­ti­zi­pa­ti­ven Frei­ga­be durch die Ko-For­schen­den selbst ge­bracht. Die Kon­zep­ti­ons­pha­se en­de­te schließ­lich mit ei­ner ein­ge­hen­den Schu­lung der Interviewenden.

Die Frei­wil­lig­keit der Be­frag­ten soll­te ein we­sent­li­ches Prin­zip der Be­fra­gung sein und so wur­den am Ende nicht alle, aber doch sehr vie­le Be­schäf­tig­te be­fragt. Es wa­ren 262 von ins­ge­samt 400 Beschäftigten.

Spe­zi­ell her­ge­rich­te­te Räum­lich­kei­ten in der Ca­ri­tas-Werk­statt er­mög­lich­ten eine kon­zen­trier­te Ge­sprächs­si­tua­ti­on. Dank der qua­li­fi­zier­ten und en­ga­gier­ten In­ter­view­tan­dems und der in­ter­es­sier­ten und aus­kunfts­freu­di­gen Be­schäf­tig­ten der Ca­ri­tas-Werk­statt ent­wi­ckel­te sich eine Viel­zahl pro­duk­ti­ver Ge­sprä­che. Die am Ende 255 voll­stän­dig aus­ge­füll­ten Fra­ge­bö­gen er­mög­lich­ten eine fun­dier­te und re­prä­sen­ta­ti­ve Datenbasis.

Die größ­ten Fans
Die Be­fra­gungs­er­geb­nis­se be­le­gen eine au­ßer­or­dent­lich hohe Zu­stim­mung nicht nur zum kon­kre­ten Ar­beits­platz, son­dern auch zum Kon­zept der Werk­stät­ten an sich. So äu­ßern 206 Be­schäf­tig­te, mit der Ar­beit und den ei­ge­nen Auf­ga­ben zu­frie­den zu sein, 172 er­hal­ten aus­rei­chend An­er­ken­nung im Ar­beits­all­tag. Und 210 der be­frag­ten Be­schäf­tig­ten (82%) wün­schen sich, auch in fünf Jah­ren noch in der Ca­ri­tas-Werk­statt zu ar­bei­ten; da­von 161 in ih­rer jet­zi­gen Ar­beits­grup­pe, 31 in ei­ner an­de­ren Ab­tei­lung und 18 auf ei­nem aus­ge­la­ger­ten Ar­beits­platz. Wer vor­schnell ei­ner Ab­schaf­fung von Werk­stät­ten das Wort re­det, tut dies je­den­falls nicht im Na­men der Be­trof­fe­nen. Die größ­ten Fans der Werk­statt sind die Be­schäf­tig­ten selbst.

Über­haupt ist die Werk­statt ge­ra­de für Be­schäf­tig­te mit ein­ge­schränk­ter Mo­bi­li­tät ein Ort des Mit­ein­an­ders, eine Bör­se des So­zia­len, ein wich­ti­ges Stück Le­bens­qua­li­tät So ge­ben na­he­zu 80% der be­frag­ten Be­schäf­tig­ten an, in der Werk­statt Freun­de ge­fun­den zu haben.

Blick in die Zu­kunft
Und auch um die Zu­kunft der Werk­statt­leis­tung ma­chen sich die Be­schäf­tig­ten Ge­dan­ken. So in­ter­es­siert sich die Hälf­te der Be­frag­ten für den Er­werb von Bil­dungs­ab­schlüs­sen und Zer­ti­fi­ka­ten so­wie für eine Me­tho­den­viel­falt in der Be­ruf­li­chen Bil­dung mit mo­der­nen Tech­no­lo­gien wie Com­pu­ter oder Ta­blets. Mehr als die Hälf­te der Be­schäf­tig­ten wünscht sich eine per­sön­li­che Be­tei­li­gung an den Fach­aus­schuss­sit­zun­gen bzw. den künf­ti­gen Ver­fah­ren zur Teil­ha­be­pla­nung. Und na­tür­lich ha­ben die meis­ten Be­schäf­tig­ten auch eine Mei­nung, was sie tun wür­den, wenn sie ei­nen Tag lang Werk­statt­lei­ter oder ‑lei­te­rin sein dürften.

Vor­ge­stellt ha­ben die Be­schäf­tig­ten die Er­geb­nis­se ih­rer Be­fra­gung am Ende üb­ri­gens vor in­ter­es­sier­tem Pu­bli­kum aus Be­schäf­tig­ten und haupt­amt­li­chen Fach­kräf­ten selbst. Sie prä­sen­tier­ten die Ca­ri­tas-Werk­statt als ei­nen Teil ih­rer Le­bens­welt – weit mehr als ein Ar­beits­platz. Die Werk­statt ist ein Ort des Ler­nens und Ar­bei­tens, ein Ort des Ge­lin­gens und des so­zia­len Mit­ein­an­ders. Nicht al­les ist voll­kom­men. Die Ca­ri­tas-Werk­statt ist kein Pa­ra­dies, son­dern eine all­täg­li­che Welt. Be­son­ders wird sie durch die Men­schen, die hier ar­bei­ten. Lie­bens­wür­dig, ideen­reich, ori­gi­nell. Eben al­les, au­ßer gewöhnlich.