Michael Benter fragt Katharina Riedel
Bei meinem ersten Gespräch in der Caritas-Werkstatt begleitete mich meine Betreuerin Frau Rath. Im Josefhaus trafen wir uns mit Frau Riedel, Leiterin des Campus Q. Gerade, als diese zu mir sagte: „Hier ist ab September dein neuer Arbeitsplatz!“, schwirrte eine Wespe durch den Raum. Mir brach der Schweiß aus und ich geriet in Panik. Seit ich einmal in der U‑Bahn von einer Biene gestochen wurde, habe ich panische Angst vor Hornissen, Bienen, Wespen …
„Du brauchst keine Angst zu haben“, beruhigte mich Frau Riedel. Heute treffe ich mich mit ihr, um ihr ein paar Fragen zu stellen.
Katharina: Wenn ich an Dich denke, fällt mir auch immer zuerst diese Situation mit der Wespe ein. Ich habe eigentlich auch Angst vor ihnen und wäre gern zusammen mit Dir aufgesprungen. Mir war aber wichtig, dass dein erster Eindruck von der Werkstatt nicht mit Angst verbunden ist.
Michael: Seit wann arbeitest Du hier und wie verlief Dein Weg in die Werkstattleitung?
Katharina: Als ich 2010 herkam, war ich 24 und die Werkstatt mein erster Job nach dem Studium. Sie suchten eine Fachkraft für berufliche Integration. Die Stelle war neu, denn Werkstätten hatten sich verstärkt darum zu kümmern, Beschäftigte in Praktika und Betriebe zu vermitteln.
Mittlerweile arbeitete ich schon in fast allen Bereichen als Fachdienst, außer am Aderluch, Als der stellvertretende Werkstattleiter Herr Hoberg in Rente ging, rückte zunächst Rainer Schulz in die Leitung auf. Er kümmerte sich um die Produktionsprozesse, und schließlich kam ich dazu als jemand, der sich mit sozialen Themen befasst. Seither fühle mich verantwortlich für die Fachdienste und die Belange der Beschäftigten.
Michael: Beim Projekt „Seitenwechsel“ haben Mitarbeitende die Möglichkeit in anderen Werkstattbereichen und beim Caritas Wohnen mitzuarbeiten. Hast Du so etwas auch schonmal gemacht?
Katharina: Ganz am Anfang meiner Zeit hier gab es einen Personalengpass in der Cantina der Hauptwerkstatt. „Kannst du das mal machen?“, fragte man mich – und ich tats. Zur Mittagszeit ging die Luke hoch: Vor mir viele hungrige Beschäftigte, stand ich neben der Kasse und hatte keine Ahnung, wie sie zu bedienen ist. Seitdem hab ich großer Respekt vor dieser Arbeit. Die Leute sind hungrig, es muss schnell gehen und die Kasse auf Stand sein. Da kam ich ganz schön ins Schwitzen. Gern hätte ich mehr Zeit, so etwas öfters zu machen.
Michael: Was macht Dir in der Werkstatt am meisten Spaß?
Katharina: Grundsätzlich gefällt es mir am besten, hier unterwegs zu sein und Projekte anzuschieben. Ich mag den Plausch aufm Flur, meine schönsten Stunden sind die, in denen ich mit Euch zusammen bin. Ein bisschen bin ich stolz darauf, dass ich bis heute alle Beschäftigten und viele Ehemalige mit Namen kenne. Ich bin in den Aufnahmegesprächen dabei, lerne die Familien und Geschichten kennen. Auch Probleme und Konflikte sind Teil meiner Aufgabe – und doch ist für mich der Kontakt mit anderen Menschen das Schönste. Mit meinem Wechsel in die Werkstatt-Leitung kam leider viel mehr Schreibkram dazu, jede Menge Arbeit am Rechner.
Michael: Was macht unsere Werkstatt für Dich aus?
Katharina: Ich komme immer wieder gern her. Es ist schön, zu sehen und zu begleiten, wie sich Beschäftigte entwickeln und etwas aus ihrem Leben machen. Das macht die Werkstatt zu einem meiner Lieblingsorte
Michael: Arbeitest Du an der Erstellung der Fortbildungsprogramm-Hefte mit?
Katharina: Das ist eines meiner Herzensthemen.
Michael: Dann möchte ich das nächste bitte in Werbetechnik-Blau!
Katharina: Mittlerweile gibt es unsere Fortbildungsprogramme schon so lange, dass jede Bereichsfarbe vertreten war. Bei der Farbwahl gucken wir auch, welcher Bereich im jeweiligen Jahr einen besonderen Höhepunkt begeht.
Zusammen mit Laura Krüger und Angi Geißler arbeite ich daran, dass die begleitenden Angebote abwechslungsreich sind und bleiben. Für manche sind sie der wichtigste Grund, in die Werkstatt zu kommen.
Michael: Fährst Du manchmal im Shuttle mit?
Katharina: Letztes Jahr verabschiedete ich Karin Bodag, welche die Anfänge unseres Shuttles mitmachte, gleich nach dem Shuttle-Pionier Jürgen Wolf. Damals wurde heiß diskutiert, ob Beschäftigte überhaupt fahren dürfen. Ich unternahm einige Probefahrten mit Karin, um mich davon zu überzeugen, dass sie auch in Stress-Situationen ruhig und sicher fährt. Das tat sie.
Michael: Wir Beschäftigten arbeiteten in der Corona-Pandemie teilweise zu Hause oder am Aderluch. Wie hast Du diese Zeit erlebt in und mit der Werkstatt?
Katharina: Der Beginn der Pandemie fiel genau mit meinen ersten Arbeitstagen in der Werkstattleitung zusammen … im Rückblick eine super anstrengende Zeit. Alles war so unsicher: Wie viele Menschen dürfen in einem Raum sein, welche Beschäftigten dürfen wohin? Galten für uns die Regeln für Betriebe, oder jene für Wohnstätten von Menschen mit Behinderung? Am Ende trafen wir die Entscheidungen, bei denen wir dachten, so ist es am besten. Vielleicht lagen wir nicht immer richtig, aber ich glaube, wir kamen ganz gut durch.
Michael: Kannst Du nach Feierabend abschalten, oder gehört Dein Heimweg auch zur Firmenarbeit?
Katharina: Wer sich entscheidet, einen sozialen Beruf zu ergreifen, musss auch die damit verbundenen Schwierigkeiten ertragen. Menschen sind keine Maschinen, die man abends ausschaltet. Im Urlaub kann ich ganz gut abschalten, das Wochenende ist dafür oft zu kurz. Mein Partner muss damit leben, schließlich hat er mich so „eingekauft“.
Michael: Gibt es ehemalige Beschäftigte unserer Werkstatt, die Du besonders vermisst?
Katharina: In den letzten Jahren verloren wir einige Beschäftigte, die einen bedeutenden Teil unserer Geschichte mitschrieben wie zum Beispiel Angelika Kopitzke, die so lange Zeit auf dem Johannesberg lebte. Auch ihr helft mit, diese Geschichten festzuhalten.
Michael: Bist Du hier öfter umgezogen, von Büro zu Büro?
Katharina: Ich saß mittlerweile in 6 oder 7 Büros, zuerst in dem jetzigen von André Kerkow in der Hauptwerkstatt. Nach einem Jahr wechselte ich in den Heidering, ins Büro von Klemens Statt, wo ich auch deine Reporterkollegin Martina kennenlernte. Dann zog ich wieder in die Hauptwerkstatt, ins Büro von Herrn Möller. Ich sah etliche Büros von innen, den schönsten Ausblick auf den Johannesberg genoss ich als Leiterin des Campus Q.
Michael: Wie sehen Deine Zukunftspläne aus? Verrätst Du uns davon etwas?
Katharina: Ich will noch viel reisen in meinem Leben. Dabei möchte ich auch den Lebensstil der Menschen kennenlernen, die vor Ort leben. Das hilft, bescheiden zu bleiben und zu sehen, dass es uns ganz gut geht. Reisen hilft mir, für vieles ein gutes Gespür zu bekommen.
Michael: Was würdest Du tun, wenn es die Werkstatt nicht mehr gäbe?
Katharina: Das möchte ich mir nicht vorstellen. Wir leben in einem Sozialstaat, Werkstätten sind ein Teil davon. Ihre Abschaffung fordern unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Gründen. Wir werden es ihnen nicht leicht machen.
Michael: Hast Du eine Idee, wie die Caritas-Werkstatt in zehn Jahren aussehen könnte?
Katharina: Ihr Auftrag, Menschen in die Ausbildung und auf den Arbeitsmarkt zu bringen, wird gewichtiger sein. Also wird es mehr Beschäftigte geben, die auf Außenarbeitsplätzen in Betrieben arbeiten, welche wir vor Ort begleiten. Das ist jedoch nicht für alle Beschäftigten der richtige Weg. Auch für alle, die dazu nicht in der Lage sind, müssen wir da sein. Und wir brauchen auch Betriebe, die Menschen mit Beeinträchtigung eine Chance geben.
Michael: Was ist, wenn ein Beschäftigter in einen anderen Bereich wechseln möchte?
Katharina: Es gehört auch zu unseren Aufgaben, Euren Wünschen nach Möglichkeit zu entsprechen. Manche mögen Veränderungen mehr als andere. Dass du zu ersteren gehörst, hat sicher eine Menge mit deiner Persönlichkeit zu tun. Es gehört zur Stärke einer Werkstatt, das möglich zu machen.