Le­bens­freu­de pur

1. Jun 2020 | Pres­se, Pres­se 2020 | 0 Kom­men­ta­re

Von Chris­ti­na Köl­pin | Sozialcourage

Seit 120 Jah­ren steht der St. Jo­han­nes­berg in Ora­ni­en­burg für Nächs­ten­lie­be. Hier ist die Ca­ri­tas Le­bens­mit­tel­punkt für meh­re­re hun­dert Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gung je­den Al­ters. Zum Ju­bi­lä­um fei­er­ten rund 600 Gäs­te ne­ben der jahr­hun­der­te­lan­gen Tra­di­ti­on vor al­lem eins: Le­bens­freu­de. Denn trotz 120 Jah­ren ist hier nichts ein­ge­staubt, im Ge­gen­teil, der St. Jo­han­nes­berg ist ein ech­ter Zukunftsmotor.

Mir macht al­les an mei­ner Ar­beit Spaß”, sagt Ste­phan am Tag der Ju­bi­lä­ums­fei­er vol­ler Über­zeu­gung – und man glaubt es dem 38-Jäh­ri­gen mit ver­schmitz­tem Lä­cheln und blau­er Son­nen­bril­le so­fort. Seit 2001 ar­bei­tet Ste­phan in der Wä­sche­rei hier am St. Jo­han­nes­berg. Die Wä­sche­rei ist nur ei­ner der vie­len klei­nen und gro­ßen “Ca­ri­tas-Kos­men” an die­sem ge­schichts­träch­ti­gen Ort. Die drei größ­ten sind das Ca­ri­tas-Woh­nen, die Ca­ri­tas-Schu­le und die Ca­ri­tas-Werk­statt. “Wir im Ca­ri­tas-Woh­nen wol­len ein ech­tes Zu­hau­se ge­stal­ten für un­se­re Be­woh­ner mit geis­ti­ger Be­ein­träch­ti­gung. Wenn sie sich das wün­schen, auch für das gan­ze Le­ben”, er­zählt Ben­no Ott­lew­ski, der be­reits seit 1986 zum Haus ge­hört und zwei Jah­re spä­ter zum Lei­ter wur­de. “Das Tol­le ist, dass man sich in sein ei­ge­nes Reich zu­rück­zie­hen kann, aber auch Ge­mein­schaft er­le­ben kann – al­les un­ter ei­nem Dach.” Ge­mein­schaft ist auch das Zau­ber­wort für die Be­woh­ne­rin und Werk­statt-Mit­ar­bei­te­rin Brit Ka­min­ski: “Am meis­ten ma­chen mir Grup­pen­rei­sen Spaß oder die Dis­co für alle Be­woh­ner, die gibt es zwei Mal im Jahr.”

In der Ca­ri­tas-Werk­statt sind über 400 Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gung in den un­ter­schied­lichs­ten Fach­ge­bie­ten im Ein­satz – von der Holz- und Me­tall­ver­ar­bei­tung über Wer­be­mit­tel­pro­duk­ti­on bis hin zum Gas­tro­no­mie­ser­vice “Can­ti­na” bie­ten sich hier ech­te Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten. Denn es han­delt sich hier nicht etwa um Be­schäf­ti­gungs­maß­nah­men – hier wer­den je­den Tag hun­dert­fach Dienst­leis­tun­gen für Pri­vat­per­so­nen, Hand­werks­be­trie­be und In­dus­trie er­bracht. Chris­toph Lau ge­hört seit 22 Jah­ren zur Werk­statt und lei­tet sie seit 13 Jah­ren. Er sieht den ei­gent­li­chenn Wert aber eben­falls im Bei­sam­men­sein. “Man darf nicht ver­ges­sen, dass eine Be­hin­de­rung die Mo­bi­li­tät in al­len Hin­sich­ten ein­schränkt und wir ein so­zia­ler Ort sind – für man­che so­gar der wich­tigs­te in ih­rem Leben.”

An­ge­la Kröll
An­ge­la Kröll

Auch An­drea Wens­ke, seit 2015 Lei­te­rin der Ca­ri­tas-Schu­le mit dem För­der­schwer­punkt Geis­ti­ge Ent­wick­lung, be­stä­tigt den ho­hen Wohl­fühl­fak­tor: “Un­se­re Schü­ler freu­en sich tat­säch­lich, wenn die Fe­ri­en zu Ende sind und sie end­lich wie­der ihre Struk­tur ha­ben und ihre Mit­schü­ler se­hen kön­nen”. An­drea Wens­ke selbst fühl­te sich als Re­fe­ren­da­rin so wohl, dass sie di­rekt nach dem Staats­examen im Jahr 2003 an der Schu­le an­fing zu un­ter­rich­ten. Nicht mehr als sie­ben bis neun Schü­ler ge­hen hier zu­sam­men in eine Klas­se, un­ter­rich­tet von zwei Lehr­kräf­ten und ei­ner Be­treue­rin oder ei­nem Be­treu­er. An Plä­nen und Her­aus­for­de­run­gen für die Zu­kunft man­gelt es am St. Jo­han­nes­berg trotz al­ler Har­mo­nie nicht. “Mein größ­tes Ziel ist es, die Schu­le zu er­hal­ten, denn von­sei­ten der Po­li­tik steht jetzt In­klu­si­on im Vor­der­grund und wir als För­der­schu­le müss­ten dann ab­ge­schafft wer­den”, sagt An­drea Wens­ke mit Be­dau­ern. “Da­bei höre ich von vie­len El­tern, dass ihre Kin­der an Schu­len mit In­klu­si­ons­an­satz scheitern.”

Ben­no Ott­lew­ski sieht für sei­ne Be­woh­ner vor al­lem das The­ma Äl­ter­wer­den auf dem Plan für die nächs­ten Jah­re. “Ak­tu­ell pla­nen wir ei­nen gan­zen Be­reich so um, dass Be­woh­ner mit hö­he­rem Pfle­ge­be­darf zu­sam­men woh­nen, da­mit wir eine gute Ver­sor­gung si­cher­stel­len können.”

Chris­toph Lau blickt eben­falls mit viel Ta­ten­drang in die Zu­kunft: “Ich habe das Ge­fühl, je­des Jahr eine neue Werk­statt zu lei­ten – so viel Ver­än­de­rung und so vie­le Ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten sehe ich bei mei­nen Kol­le­gen von an­de­ren Trä­gern nicht.” In ei­nem Punkt sind sich alle drei Ca­ri­tas-Fach­leu­te ei­nig: Sie wol­len bis zur Ren­te hier am St. Jo­han­nes­berg blei­ben und ih­ren Auf­ga­ben nach­ge­hen. An­drea Wens­ke und Chris­toph Lau er­zäh­len, dass mitt­ler­wei­le so­gar die zwei­te Ge­nera­ti­on ih­rer An­ver­trau­ten in Schu­le und Werk­statt an­ge­kom­men ist – manch­mal ein ko­mi­sches Ge­fühl, aber auch sehr schön. Doch die klei­nen und gro­ßen “Ca­ri­tas-Kos­men” hier in Ora­ni­en­burg, so gut sie für die Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gung funk­tio­nie­ren, so sehr sie ei­nen Le­bens­mit­tel­punkt und ein Zu­hau­se für un­be­grenz­te Zeit bie­ten, sie kön­nen auch ein Sprung­brett in ein neu­es Le­ben sein. “Für mich sind es die fas­zi­nie­rends­ten Er­leb­nis­se, wenn Be­schäf­tig­te mit der Zeit über sich selbst hin­aus wach­sen, vor al­lem in­ner­halb der Werk­statt, und manch­mal so­gar auf dem ers­ten Ar­beits­markt Fuß fas­sen”, sagt Chris­toph Lau. “Für mein Le­ben gut”, das ist eben nicht nur der neue Claim der ge­mein­nüt­zi­gen Ca­ri­tas Fa­mi­li­enund Ju­gend­hil­fe, zu der Woh­nen, Schu­le und Werk­statt ge­hö­ren. Es ist die Es­senz von St. Johannesberg.

Die Ge­schich­te von St. Johannesberg
1899: Grün­dung, der Or­den der Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen am Aren­berg rich­tet ein Wai­sen­haus für 60 Kin­der ein.
1954: Auf­nah­me der ers­ten Kin­der mit geis­ti­ger Behinderung.
1980: Ers­te Ko­ope­ra­tio­nen mit re­gio­na­len Un­ter­neh­men im Rah­men der Ar­beits­the­ra­pie beginnen.
1991: Die Ca­ri­tas- Werk­statt und die Ca­ri­tas-Schu­le grün­den sich. Das Wohn­heim wird von der Ca­ri­tas Fa­mi­li­en- und Ju­gend­hil­fe gGmbH übernommen.
1998: Neu­bau von Wohn­häu­sern und der Hauptwerkstatt.
2003: Die Schu­le zieht in ei­nen Neu­bau auf dem St. Jo­han­nes­berg um.
2005 bis heu­te: Die Werk­statt wird ste­tig er­wei­tert, die Be­treu­ung von Be­woh­ne­rin­nen und Be­woh­nern ausgebaut.